Alles hat seine Zeit

Dreihunderteinundzwanzig Tage sind seit der Geburt des kleinen Mattis an meinem letzten Tag in meinem dreißigsten Job als Hebamme vergangen. Seitdem habe ich Elton John live in Leipzig gesehen, habe mein Buch geschrieben, einen TEDx-Talk gehalten, habe die erste meiner Freundinnen unter südafrikanischer Sonne heiraten sehen, habe an vier Orten gewohnt und jetzt einen neuen Lebensmittelpunkt in Brüssel gefunden. Ich habe fünf Monate im Europäischen Parlament gearbeitet,  habe die Attentate aus fünfhundert Metern Entfernung miterlebt, während mein Buch veröffentlicht wurde und im April auf Platz 35 der Wirtschaftsbestseller im Manager Magazin landete. Die Zeit vergeht. Weiterlesen

Das Beste kommt zum Schluss – Job 30

Knapp fünfzig Wochen nachdem ich mir meinen Weg durch kindersichere Türen zu meinem ersten Job als Erzieherin bahnte, finde ich mich in einer ähnlichen Situation in Bayreuth wieder. Ich finde den Eingang nicht zu meinem letzten Job, der einen Schritt vor dem der Erzieherin ansetzt. Durch eine Gartenpforte betrete ich das Grundstück der in der E-Mail angegebenen Adresse, die mir Hebamme Stefanie einen Tag zuvor geschickt hatte. Links von mir befindet sich eine weitere Pforte, die zu einer Terrasse führt. Rechts von mir ein Gartenhäuschen, vor mir der Garten. Ich entscheide mich für den Garten und finde hinter dem Haus tatsächlich die Eingangstür mit Klingel und Namensschild. Wer sie heute wohl öffnen wird?

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Auf dem Holzweg – Job 28

Der Countdown läuft: In dieser Woche starte ich in meinen drittletzten Job. Zeit sich noch einmal die Hände schmutzig zu machen und „richtig“ zu arbeiten. Dazu statte ich der ostfriesischen Tischlerei Dock Zwo einen Besuch ab. Nicht ganz ohne Bedenken betrete ich Dienstagmorgen die Werkstatt von Tischlermeister Daniel und Betriebswirt Jens. Ob ich nach meinem Praktikum noch genauso viele Finger wie vorher haben werde? Als ich Daniel meine Bedenken mitteile, streckt er mir als Antwort seinen verkürzten Daumen entgegen und lächelt. „Ein bisschen Schwund ist immer.“ Für mich werden die ganz gefährlichen Maschinen in den nächsten Tagen also Tabu sein. Weiterlesen

Ich werde Mönch – Job 26

„Lasst die Literaturfestspiele beginnen!“, ruft mir mein Couchsurfer am Frühstückstisch entgegen und grinst mich an. Im Hintergrund dudelt Hare Krishna Musik, die Kerze auf dem Tisch brennt. Meinen Job im morgendlichen Ritual kenne ich bereits und öffne das Buch mit den buddhistischen Kurzgeschichten auf der Seite, auf der ich es tags zuvor zugeklappt hatte. Ich beginne vorzulesen. Unsere heutige Geschichte handelt von einem Junior-Mönch, der die Senior-Mönche beneidet, bis er selbst Senior-Mönch wird und plötzlich lieber wieder ein Junior-Mönch wäre. Sinngemäß: Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner. Kurze Zeit später stehe ich mit der elektrischen Zahnbürste im Mund vor dem Badezimmerspiegel. Mittlerweile schallt auf voller Lautstärke „The Crown and the Ring“ der Heavy Metal Band Manowar durch die Wohnung und lässt selbst den letzten Winkel nicht unbewohnt. Eine Orgel und ein vollmundiger Männerchor leiten den Refrain des Liedes ein, mein Couchsurfer singt mit. Mein Grinsen wird immer breiter.

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Hinter den sieben Bergen – Job 25

„Kommst du gleich noch mit in den Whirlpool?“, fragt mich Oliver, während er auf eine Lok zeigt, die den Schriftzug „Einar, der Entgleiste“ trägt. Olli sprintet die Stahltreppe der Lok herauf, dreht an einer Kurbel und schwenkt die Abdeckung des Whirlpools, der sich hinten auf der Lok unter freiem Himmel befindet, zur Seite. „Fühl mal, ist total warm!“, werde ich aufgefordert. Tatsächlich. Ich drehe mich um. Dort, wo der Lokführer zu erwarten wäre, finde ich eine Dusche, eine Freilicht-Toilette und den Eingang zu einer Sauna, die sich im Inneren der Lok befindet. „Ich hab´ gar keinen Bikini und kein Handtuch mit“, beantworte ich Ollis Frage und bekomme ein grinsendes „Macht doch nichts“ zurück. Meine Wangen werden auch ohne Sauna ein paar Grad wärmer. „Ich richte mich erst einmal ein, aber danke!“. Weiterlesen

Backstage – Job 24

In einem rosafarbenen Morgenmantel steht sie in knapp zwanzig Meter Entfernung vor mir und schreit. In der Hand hält sie einen Telefonhörer, der Opfer ihres emotionalen Zusammenbruchs wird. Sie weint. Ich verstehe nicht, was die Frau sagt, ich glaube, sie spricht französisch. Dem leidenden Ausdruck in ihrem Gesicht zu Folge kann es sich am anderen Ende der Leitung nur um einen Mann handeln.  Weiterlesen

Chantal, heul leise! – Job 23

Elyas M’Barek, wo bist du, wenn man dich braucht? In dieser Woche kann ich deine pädagogisch wertvolle Hilfe nämlich gut gebrauchen. Ich bin bei der gemeinnützigen Organisation Joblinge, die Jugendlichen dabei hilft, eine Ausbildung oder einen Job zu finden und möglichst auch zu behalten. Aber entgegen meiner Vermutung treffe ich in München nicht auf lauter motivierte Jugendliche, sondern eher auf einen Haufen, den man so auch im Film „Fack ju Göhte“ hätte antreffen können und von denen die meisten noch lernen müssen, um was es alles gerade bei ihnen geht. In ihren Lebensläufen finden sich abgebrochene Ausbildungen, Praktika, Fördermaßnahmen vom Arbeitsamt, Sechsen im Schulabschlusszeugnis oder einfach mal etliche Monate nichts. Weiterlesen