Ausführungen am Todesstreifen – Job 2 / Teil I

Donnerstag, 4.40 Uhr, mein Wecker klingelt. Noch vor kurzem hätte ich gesagt, dass mich niemand um diese Uhrzeit aus dem Bett bekommt, nur um zu einem 250 km entfernten Unternehmen zu fahren und dort unentgeltlich zu arbeiten. So ändern sich die Dinge! Mein Job Nummer 2 führt mich nach Hannover zu TV Plus, einer Fernsehproduktion!

7.45 Uhr geht es vom vereinbarten Treffpunkt los. Am ersten meiner fünf Praktikumstage steht direkt ein Dreh auf dem Programm. Es ist der dritte Teil einer Umwelt-Reihe für Bingo von Autorin Frigge Mehring. Heute wird das Treffen eines West- und eines Ostdeutschen begleitet, die intensiv mit der Natur im ehemaligen Todesstreifen in Berührung gekommen sind. 3 Minuten und 15 Sekunden soll der Beitrag umfassen.

Mit den Protagonisten treffen wir uns in Bad Harzburg. Im Wagen von Kameramann Mike folgen wir den beiden hoch in den Nationalpark. Unterwegs heißt es „alle aussteigen!“ – der Wagen setzt auf den Waldwegen auf. Das stinkt! Wir wollen Schlimmeres verhindern, die Kamera-Technik aber nicht den Berg hinauftragen. Kurze Zeit und einige Aufsetzer später sind wir da: am Pfahldreieck und Harzer Kolonnenweg.

Der Dreh beginnt, die Protagonisten erzählen, was sie in Zeiten der DDR erlebt haben und wie sich die Natur im durch Pflanzengift und Abschub des Mutterbodens freigehaltenen Todesstreifen bis heute entwickelt hat. Interessant! Es scheint mir, als ob Autorin Frigge alles über die Natur weiß. Gesundes Halbwissen nennt sie es. Sie bietet mir Sonnencreme an. Autoren und Kamera-Männer soll man am braun gebrannten Nacken erkennen können, da „mit der Sonne“ gedreht wird. Aber ich? Sonnencreme? Ich habe gerade eine Woche Italien hinter mir, ich brauch keine Sonnencreme!

Es wird gefilmt, erklärt, den Kolonnenweg hoch und runter gelaufen, Drehort gewechselt, ein Brötchen zum Mittag auf einer Parkbank gegessen. Mittag! Irgendwie war ich von Kantine oder Restaurant ausgegangen. Aber hier oben? Anfängerfehler! Zum Glück kann ich unterwegs noch ein trockenes Brötchen auftreiben.

Der Kameramann ist auf der Suche nach guten Motiven für Zwischenschnitte, Tonassistent Hauke im Schlepptau. Frigge bespricht derweil nächste Szenen mit den Protagonisten. „Jannike, kannst du mal Schatten sein?“ Mike möchte Nahaufnahmen von Pflanzen im Boden machen, auf dem eben noch die beiden Darsteller spaziert sind. Da waren allerdings noch Wolken am Himmel und der Boden schattig.

Dreh am Harzer Kolonnenweg

Gegen 17 Uhr sind wir wieder zurück. Die erste Gemeinsamkeit mit meinem Kindergarten Job in der vorletzten Woche ist mein Wohlbefinden. Wieder bin ich völlig k.o. Das Tragen des sperrigen Stativs, das hinter der Kamera Herlaufen, das Aufpassen nicht ins Bild zu laufen sowie die Hitze haben mich tatsächlich geschafft. Abends folge ich dem Rat von Frigge und untersuche meinen Körper auf Zecken. Zecken habe ich keine. Dafür aber verbrannte Nase und Ohren. Und zwar nicht zu knapp. Wieder was gelernt.

Vier Tage später sitze ich neben Frigge und Cutter Lars im Schnitt.

Zu Beginn gibt mir Lars eine Kurz-Einführung in den Job eines Cutters. „Es gibt Interlaced und Progressive, merk dir das bitte Jannike. Einmal mit 25 Frames, einmal mit 50. Hase, schau mal bei dieser Version – die Augen sind viel schärfer zu erkennen!“ Ich sehe… Nichts… Ein anderes Beispiel macht deutlich, was mir Lars erklären möchte. Aber: mein Kopf ist voll! Ob ich am Ende meiner Woche noch irgendetwas von dem wissen werde? Ich gebe mir Mühe! Im Laufe des Tages treffe ich übrigens noch auf weitere (sehr nette) Hasen.

Um 18 Uhr werde ich zur Abnahme des kurzen Beitrages gebeten. Wahnsinn! Was für wunderbare 3 Minuten entstanden sind! Ich bin begeistert, was sich mit Technik im Film alles machen lässt. Am nächsten Sonntag wird dieser dritte Teil der Umwelt-Reihe ausgestrahlt werden. Und ich werde auf jeden Fall einschalten und mir dieses Mal Bingo mit ganz anderen Augen anschauen!

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