On the Road – ein Zwischenstopp

Es ist Zeit, meine Gedanken auf Papier zu bringen, denke ich, bevor wieder alles vergessen ist. Und damit meine ich in diesem Fall Papier, denn ich sitze mit Notizbuch und Tintenroller ausgestattet am irischen Atlantik – mein Laptop ist weit entfernt in der Heimat. Seit neun Tagen bin ich nun mit dem Wohnmobil im Südwesten Irlands unterwegs, um Gedanken zu sortieren, Luft zu holen. Eine Auszeit von der Auszeit. In den letzten Monaten ist in meinem Leben viel passiert, beruflich und privat. Geschehnisse haben sich überstürzt und den Haufen von unterschiedlichsten Eindrücken und Gedanken in meinem Kopf immer weiter anwachsen lassen. Ordnung muss her!

Ein Kommentator schrieb unter den Spiegel-Online-Artikel über mein Projekt: „eine lächerliche Art der Selbstfindung“. Und ich muss sagen – ja, es ist eine Selbstfindung, egal wie der ein oder andere den Weg dazu bewerten mag.

Irgendwie wusste ich schon, dass der Weg das Ziel ist. Bewusst geworden ist mir in den letzten Tagen jedoch, dass es tatsächlich um viel mehr als nur um die Suche nach dem Traumjob geht.

Irland

Sich selbst finden, möchte das nicht irgendwie jeder? Aber was bedeutet das überhaupt und wo soll ich suchen? Meiner persönlichen Antwort dazu bin ich in den letzten Tagen näher gekommen, ohne dass sich die Frage nach Selbstfindung bei Abfahrt gestellt hätte.

Zeit zum Nachdenken wollte ich haben, ohne Internet, Handy, Fernsehen und sonstige Ablenkungen. Sachen, auf die man sich stürzt, wenn man etwas gedanklich einzusortieren hat, wie aufs Aufräumen und Abwaschen, wenn man eigentlich für eine Klausur lernen müsste.

Und nachgedacht habe ich. – Meine Idee vom „Sich-Selbst-Finden“ ist es, sich frei von allen Ablenkungen und Betäubungen zu machen, um seine Gefühle und seine Intuition wieder spüren zu können. Wer das starke, unerklärliche Gefühl kennt, dass etwas richtig ist, dass Sicherheit und Ruhe das eigene Denken begründen, der weiß vielleicht, was ich meine. Ohne Zweifel, Gedanken und Grübeleien. Einfach richtig.

Während meines achten Jobs als Winzerin war der Bayrische Rundfunk für ein kurzes Interview zu Besuch auf dem Weinberg. Der Moderator der Sendung „Puls“, fragte mich, woran ich denn festmachen würde, dass ich den richtigen Job gefunden hätte. „Am Gefühl!?“, war meine zaghafte Antwort und ich dachte bei mir, „Na das ist ja ein bisschen mager, ich habe für das Projekt so viel aufgegeben und investiert, dass nur ein „Gefühl“ mir als Antwort sehr wenig erscheint.“.

Aber jetzt, wenn ich hier sitze, denke ich „Meine Antwort damals war genau richtig.“. Ich werde üben, meine eigenen Gefühle wieder wahrzunehmen und mich nicht rund um die Uhr abzulenken. Ich werde wieder lernen, meiner Intuition zu folgen und mich nicht von Sachzwängen derart antreiben zu lassen, dass es nur noch ein Funktionieren ist.

Der Weg bis zu dieser Erkenntnis war lang. Ich habe meinen Job und meine Wohnung aufgegeben, habe keine Verpflichtungen und kaum Besitz. Ich habe zwischenzeitlich 6 Monate eine konsumfreie Zeit eingelegt und auf Fernseher und Radio testweise verzichtet. Zudem musste ich in den letzten Wochen immer und immer wieder Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die ich nicht in Ruhe und mit Bedacht rational treffen konnte. Der Bauch wurde notgedrungen zur Verantwortung gezogen, wusste aber auch nicht so recht, wie ihm geschah.

Irland

Ich weiß jetzt, dass ich die Antworten zu der Frage „Was will ich eigentlich?“ in mir habe und sie finde, indem ich alle Ablenkungen ausschalte und mir selbst ehrlich gegenüber trete. Das ist nicht immer einfach, da manche Antworten und damit verbundenen Entscheidungen schmerzhaft sind. Schmerzhaft, weil man sich eingestehen muss, dass Wünsche und Träume manche Vorahnung, die man hat, verdrängen; schmerzhaft, weil man Vorstellungen und Träume loslassen muss, die sich nicht als die eigenen herausstellen; schmerzhaft, weil einem die Ungewissheit Angst macht.

Befreiend ist das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein und seinen Platz in dieser Welt zu finden. Diese Erkenntnis ist ein Mittel, mit dem ich Entscheidungen für mein Leben treffen kann. Und das ist viel mehr, als mich für einen Traumjob zu entscheiden. Das ist sein Leben aus ganzem Herzen zu leben, sein Leben selber zu leben – aktiv, nicht passiv. Ich will das! Ich will selber leben, bewusst leben – nicht mehr warten. Aufs nächste Gehalt, den nächsten Urlaub, das nächste „Gefällt-Mir“ auf Facebook. Ich will versuchen, meine Gefühle bewusster wahrzunehmen und meiner Intuition zu folgen und bin mir sicher, dass sie mich zur richtigen Zeit an den richtigen Ort bringt. Jeden einzelnen Tag.

9 Gedanken zu “On the Road – ein Zwischenstopp

  1. Hallo Jannike,
    ich hoffe der miesmuschlige Kommentator hat kein Rechtfertigungsbedürfnis hervorgerufen?
    Es muss am Ende der Zeit die du dir freimachen konntest von anderen Verpflichtungen doch kein Job aka Zertifikat/Abschluß rauskommen so a la`endlich weiß ich was ich den Rest meines Lebens arbeiten will.`
    Du machst Erfahrungen 🙂
    Das ist dein Leben leben.
    Nimm die Geschenke an.
    Viel Spass dabei. Und danke dass ich dich virtuell dabei begleiten darf 🙂

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  2. Liebe Jannike,

    Ich finde die Entscheidung zu treffen und zu sagen, ich nehme mir ein Jahr Auszeit, um all die Jobs und im Endeffekt auch sich selbst auszuprobieren, sehr mutig und bewundernswert. Hut ab! 🙂

    Ich selbst war in diesem Jahr an einem Punkt, wo es bei mir so nicht weiterging. Ich war nur ein paar Wochen raus aus meinem Job, aber ein Gedanke in meinem Kopf hat sich gefestigt: Was willst du in deinem Leben? Für mich habe ich erkannt, dass mir mein Job in erster Linie Spaß machen muss, aber nie der Lebensinhalt sein darf. Weiterhin bewusst die Dinge wahrnehmen und das Leben auskosten und laufen zu lassen, es wird sich alles finden, bloß alles nicht so eng sehen… Wozu?Deswegen mein Rat an dich: grüble nicht soviel: Lebe dieses Jahr in den vollsten Zügen und probiere auch verrückte Sachen aus wie z.B. Bergführer sein im Himalaja oder Tauchlehrer in Australien (übertrieben gesagt). Ich bin mir sicher, es wird mit das beste Jahr deines Lebens. Und den Traumjob erkennst du am Gefühl, aber hast du mal daran gedacht, dass es mehrere geben könnte? 🙂

    Ich wünsche dir weiterhin eine wunderbare Zeit und lass sich nicht verunsichern. Denk dran, es ist dein Leben. Und du bist so mutig…. 🙂
    Danke, dass wir teilnehmen dürfen auf diesem Weg. Ich bin sehr gespannt wie dein Fazit aussehen wird.
    Viele Grüße!

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    • Liebe Vroni,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Ich werde versuchen, deinen Rat zu befolgen und das Jahr in vollen Zügen auskosten! Bis hierher war es einfach schon unglaublich und es ist erst ein Drittel rum.

      Jetzt bin ich soweit wieder startklar und ich freue mich total auf die nächsten Jobs, ein paar ganz spannende werden dabei sein!

      Deine weiteren Gedanken habe ich im Hinterkopf und werde mal schauen, inwieweit sich das für mich umsetzen lässt. 🙂

      Liebe Grüße,
      Jannike

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  3. Hi,
    seit dem Spiegelartikel verfolge ich deinen Blog.

    Ich bin davon überzeugt, dass du dich jetzt auf dem richtigen Weg befindest!

    Es ging nie wirklich (für dich am Anfang schon) um den Traumjob, sondern darum sich selbst wieder zu fühlen und seinen Weg selbst zu entscheiden. Losgelöst von dem was der aktuelle Beruf, Familie oder die Gesellchaft von dir erwartet.

    Dieses Gefühl nennt man „Freiheit“.

    Mal gespannt auf deine Antwort

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  4. Hey,
    deine Antwort freut mich rießig. Das Tolle daran ist, dass ich deine Situation gerade selbst erlebe (auf meine Weise) und ich die Gefühlslage mit dir teilen kann. 🙂

    Ich hab in etwa das gleiche Alter (30), einen ähnlichen Werdegang und sonstige Voraussetzungen wie du. Und „lebe“ mein Sabbatical in vollen Zügen!

    Ich wünsche dir nur eins und das ist Mut. Damit du deine Vorstellung vom Leben auch lebst!

    Ciao

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