In den Schuhen einer Schwester – Job 10

Meine Job-Reise führt mich in dieser Woche Schritt für Schritt in das Wohn-Büro einer leidenschaftlichen Familienaufstellerin. Bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie Familienaufstellungen gibt geschweige denn, was es damit auf sich hat.

Nach dem Job-Vorschlag vor einigen Wochen durchstöbere ich die Website der empfohlenen Familienaufstellerin. „Hokuspokus“ ist das erste Wort, das mir in den Kopf schießt. Ich google und erfahre, dass es sich um eine Therapie-Form handelt, in der ein Klient Stellvertreter für sich und seine Familienmitglieder aufstellt. Durch die Konstellation und die Wahrnehmungen der Stellvertreter in diesen Positionen sollen sich Muster aufdecken lassen. Geheime Muster, das ist mein Stichwort. Ich setze mich ans Telefon. Hella Neumann erklärt sich spontan bereit mich in meiner Suche zu unterstützen.

Meine Hausaufgabe vor Beginn des Praktikums: Ich soll mich in die Therapie-Form einlesen. Macht Sinn. „Wie Liebe gelingt“ heißt die Buch-Empfehlung. Das wüsste ich auch gern und freue mich auf die Lektüre, die über meinen Amazon-Warenkorb einige Tage später den Weg zu mir findet und mich ein wenig auf das Praktikum vorbereitet.

Als ich nun in die hellen, großen und miteinander verbundenen Räume eintrete und beim Durchschreiten des Durchganges zum Kamin- und Therapie-Zimmer leise ein Windspiel ertönt, ist „zauberhaft“ das erste Wort, das mir in den Kopf schießt. An den Wänden hängen Bilder und Federn. Das Feuer prasselt hinter dem Kaminfenster. Sonst ist es still.

In den ersten zwei Tagen widmen Hella und ich uns der Vorbereitung eines Wochenend-Workshops zur Ausbildung von Familienaufstellern. Auf unserer To-Do-Liste stehen das Besorgen von Kerzen, Tüchern, Blumen, Kaffee und Tee, das Kochen einer Kürbissuppe, Erstellen von Teilnahmebescheinigungen und Arbeitsmaterial und das Erneuern der Figuren für Einzelaufstellungen. Die geistige Vorbereitung sei auch wichtig, erklärt mir Hella. „Es bringt nichts, abgehetzt bei dem Workshop aufzutauchen.“. Neben allen Verpflichtungen lassen wir es uns also gut gehen.

Familienaufstellung

Am Freitagmorgen geht es dann von Springe nach Wuppertal. Wir stellen einen Stuhlkreis auf, dekorieren die Kreismitte, bauen Tische für das Buffet von mitgebrachten Speisen auf und kochen Kaffee, bevor die ersten Seminar-Teilnehmer eintrudeln. Es ist eine gemischte Gruppe mit Studenten, Therapeuten, Müttern und Beratern. Der Workshop beginnt jeden der drei Morgen mit einer Mediation. Im Anschluss daran sind wir ruckzuck in den ersten Aufstellungen zur Selbsterfahrung. Es geht mal um die Frage der beruflichen Ausrichtung, mal um Verhaltensweisen von Angehörigen oder Beziehungen. Ich lerne schnell, dass nicht nur Personen, sondern auch andere Dinge aufgestellt werden können. Ein Heimatland beispielsweise, Berufe oder „Etwas, das Angst macht“. Der Aufsteller wählt Stellvertreter aus und führt sie zu ihrem Platz im „wissenden Feld“, der Bereich, in dem die Aufstellungen stattfinden und in dem die Stellvertreter die Gefühle von den vertretenen Seelen wahrnehmen können.

Sobald die ersten Personen sich eingefühlt haben, entsteht eine Eigendynamik. Die Positionen zueinander werden verändert und die empfundenen Gefühle mit der Familienaufstellerin geteilt. Schnell wird offenkundig, wo Personen in der Aufstellung fehlen. Der Klient gibt Hinweise auf die familiäre Situation und auf Schicksalsschläge in der Ursprungsfamilie. Schnell fließen die ersten Tränen und Stellvertreter fallen sich in die Arme. Die Emotionen sind da und für mich im Kreis Sitzende spürbar. Dennoch irgendwie befremdlich. Ich könnte das nicht, denke ich. Ich hab schon genug mit meinen eigenen Gefühlen zu tun, wie soll ich da noch Emotionen von anderen in mir zulassen? Kann ich das überhaupt? Was ist, wenn ich nichts fühle? In der Pause teile ich meine Bedenken mit einigen der Workshop-Teilnehmer. Ich stoße auf Verständnis. Ihnen sei es nicht anders gegangen und erklärbar wäre das ganze sowieso nicht. Man müsse selbst Stellvertreter gewesen sein, um es nachempfinden zu können. „Du hast die Gefühle, aber du spürst ganz klar, dass es nicht deine eigenen sind, sondern die der Person, die du vertrittst“, erklärt mir eine Teilnehmerin. „Und wenn du nichts fühlst, dann fühlt auch die Person, die du vertrittst nichts.“.

Die nächste Aufstellung steht an, die Klientin lässt ihren Blick durch die Runde schweifen und hält Ausschau nach passenden Stellvertretern. Bitte nicht, denke ich – ich bin noch skeptisch. „Jannike, würdest du die Rolle des fehlenden Urvertrauens übernehmen?“ Huch! Ich? Hmm, also, naja… Warum bin ich hier? will ich was lernen oder nicht, kommt es mir in den Sinn. Und die Rolle als Urvertrauen erscheint mir relativ unkritisch zu sein. „Ja, ich möchte dein Urvertrauen sein.“. Zögerlich lasse ich mich an den richtigen Platz des Urvertrauens navigieren. Die Stellvertreterin der Klientin wird in meiner Nähe schüchtern, gar unruhig und läuft hin und her. Schräg rechts vor mir fehlt etwas, merke ich, da ist irgendwie ein Loch. Der fehlende Platz wird mit den Stellvertretern der Geschwister der Klientin gefüllt. Schon besser. Danach passiert noch einiges, aber ich bleibe, fest auf dem Boden – zuversichtlich. Aber ich bin ja auch das Urvertrauen. Was soll man da schon fühlen, außer, dass alles gut ist. Gefällt mir.

Am nächsten Tag kommen Gäste hinzu und fünf Aufstellungen sind geplant. Gleich in der ersten erwischt es mich wieder. Dieses Mal nehme ich den Platz einer verstorbenen Schwester neben dem von der Klientin ebenfalls verstorbenen Bruder ein. Meine rechte Schulter wird heiß – dort wo der Bruder steht. Sonst fühle ich mich unbeteiligt und es stellt sich heraus, dass das Problem ganz woanders liegt. Irgendwie bin ich erleichtert. Der Tag verläuft sehr berührend und es ist schön zu erleben, wie sich aufgestaute Emotionen und Fragestellungen auflösen, sodass „die Liebe wieder fließen kann“. Ganz offensichtlich geht es den Klienten nach ihren Aufstellungen deutlich besser. An der einen oder anderen Stelle kann ich mich bzw. Teile meiner Gefühle wiedererkennen. Ich bin beeindruckt und berührt, auch wenn ich mich in den drei Tagen nicht hineinfallen lassen kann.

Das mitgebrachte Essen in den Pausen schmeckt überragend. (Kristin, vergiss bitte nicht, mich mit in den Rezepte-Verteiler aufzunehmen.) Die Gemeinschaft in der Ausbildungsgruppe und auch mit den Gästen ist toll. Zu allem Überfluss spielt Dirk in den Pausen und zum Abschluss jeder Aufstellung Klavier. Wer mag, tanzt. Großartig!

Nach erfolgreichem Workshop treffen Hella und ich uns am Montagmorgen wieder in Springe. Der Energietank nach diesem spirituellen Wochenende will wieder aufgeladen werden. Und wo geht das am besten? Im Garten! Der große Kontrast zwischen Gartenarbeit und unserem Wochenendprogramm ist spürbar, ein guter Ausgleich und Ausklang für mein Praktikum.

Ob ich Familienaufstellerin werde? Nein. Ob ich eine Familie aufstelle? Vielleicht. Ob es aufregend war? Oh ja!

Vielen Dank diese Woche an Hella! An die Entwicklungshelfer Barbara Rörtgen und Tim Prell für den Kontakt. An die Seminargruppe und an meine beiden Couchsurfer Gisela und Veronika!

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