Mit Down-Syndrom an die Uni – Job 13

„Boah, scheiße! Mein Getränk kostet 11 Euro, das ist viel zu teuer!“, Mark* starrt enttäuscht auf Fach Nummer 11 des Süßigkeiten- und Getränkeautomaten im Hallenbad. Er ist eines von vielen Kindern mit Behinderungen oder Entwicklungsverzögerungen der Tagesbildungsstätte, die ich in dieser Woche kennenlerne. Es ist Montagmorgen und gleich geht es rein in das Bad zum Schwimmunterricht. Vor dem angekündigten Schwimmunterricht graut es mir. Ich besitze keinen Badeanzug und im Bikini komme ich mir nackt vor. Und was ist, wenn ich angefasst werde? Meine Befürchtungen erweisen sich als unberechtigt. Ich bin erleichtert und frage mich, woher sie überhaupt gekommen sind. Dafür gibt es aber ein anderes Problem. Beim Schwimmen soll ich mich nämlich um Linda kümmern. Linda ist 19, Autistin und in ihrer geistigen Entwicklung auf dem Niveau eines Kleinkindes. An Körpergröße und –gewicht fehlt es ihr nicht, gefühlt ist sie doppelt so groß und doppelt so schwer wie ich. Aber das meinte ich nicht, als ich von Problem sprach.

„B-b-b-b-bist du tätowiert?“, fragt mich Linda, als sie kurz vorher in der Schule erfährt, dass ich sie zum Schwimmen begleiten werde. Bin ich tatsächlich ein wenig. Ich beantworte ihr ehrlich ihre Frage und bin damit prompt für sie als Schwimmbegleitung gestorben. „Tattoos findet sie asozial“, erklärt mir mein Cousin Hergen, dem ich über seine leidenschaftliche Heilerziehungspfleger-Schulter schauen darf. „Und hättest du jetzt noch eine Bild-Zeitung dabei und ein Haargummi in den Haaren, dann wäre es endgültig vorbei.“ Okay, Haargummi fällt ohnehin weg, eine Bild-Zeitung habe ich zum Glück heute Morgen auch nicht eingepackt, aber an der Tätowierung kann ich jetzt erst einmal nichts ändern. Andere Kinder sind offener und so ergattere ich dann doch noch meine erste Aufgabe im Nichtschwimmerbecken.

Zurück in der Schule folgen Aufgabe zwei und drei. Mit Henning, einem 15-Jährigen mit Down-Syndrom, soll ich am Computer Mathe-Aufgaben lösen und mit Linda Sterne für den Julklapp-Sack aus goldener Alu-Folie ausschneiden. Beide Aufgaben enden für mich katastrophal. Henning verschanzt sich nach Mathe im Ruheraum und tritt gegen die Stühle bis Hergen ihn wieder beruhigt hat. Und Linda? Sie hält sich die Augen zu und ist nicht zum Mitmachen zu bewegen. Keine Chance. Abends auf der Couch bin ich enttäuscht und gefrustet. Das hatte ich mir irgendwie leichter vorgestellt.

Der zweite Tag läuft schon besser. Das Mathe-Problem vom Vortag lässt sich schnell aus der Welt schaffen und beim gemeinsamen Einkaufen kann ich zumindest dem körperlich und geistig behinderten Paul Geleitschutz geben. Und eine erste Umarmung bekomme ich auch. Und zwar von Anna. Für Außenstehende mag es ausgesehen haben, als ob sie mich in den Schwitzkasten genommen hätte (ich sitze am Tisch, Anna legt von hinten den Arm um meinen Hals und zieht mich zu sich), aber es fühlt sich ausnahmslos liebevoll an. Gar nicht so schlimm, wie ich mir den Körperkontakt vorgestellt hatte.

Dennoch merke ich, wie schwierig es diese Woche für mich werden wird, ein Gefühl für den Job zu bekommen. Also frage ich meine Kollegen aus und erfahre einiges. Zum Beispiel, dass die Arbeit mit Kindern mit Behinderung hauptsächlich über Beziehungen funktioniert. Hier fällt mir sofort meine Woche im Kindergarten wieder ein, in der auch die Beziehungsarbeit im Mittelpunkt stand. Während die Kinder in meiner Kindergarten-Woche zwischen 1 und 3 Jahre alt waren, sind die Kinder hier zwar auf dem Papier zwischen 13 und 19 Jahre alt, geistig sind die meisten von ihnen aber nicht weiter als meine KiTa-Kinder. Passt also. Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt: für den Job als Heilerziehungspfleger mit sonderpädagogischem Schwerpunkt braucht man ebenfalls Geduld. Geduld und Genügsamkeit. Dafür, dass der Lernerfolg nicht unbedingt im Lesen oder Rechnen liegt, sondern darin in kritischen Situationen auf erlernte Verhaltensstrategien zurückgreifen zu können. Oder dass ein Kind nach einem Jahr gelernt hat, wie man auf Toilette geht, ein anderes hingegen selber zu trinken. Wusstet ihr eigentlich, dass Pablo Pineda der erste Europäer mit Down-Syndrom war, der einen Universitätsabschluss erworben hat? Er arbeitet heute an einer spanischen Schule für pädagogische Psychologie. Das nur als Beispiel, was alles möglich ist, wenn die richtige Förderung da ist. Nicht bei jedem, aber bei manchen.

Darüber hinaus braucht es Empathie, Akzeptanz für Andersartigkeit und Gelassenheit. Ein Schlüssel für eine größtmögliche Förderung liegt im Erkennen der Antriebe, die sich in Motivation umwandeln lassen. Die persönliche Situation der Kinder muss berücksichtigt werden und es hilft, bei Verhaltensweisen nach dem Warum zu fragen. „Man muss die Kinder sehen, nicht nur die Behinderung. Das hilft beim Verstehen“, erklärt mir Hergen. Unterm Strich ist es auch das, was ich diese Woche lerne: Jeder ist anders und das ist auch gut so.

Und so bekomme ich vielleicht in dieser Woche nicht zu jedem Kind einen Draht, aber das ist okay. Dafür bastele ich beispielsweise mit Tommy (Down-Syndrom, kann nicht sprechen, ist aber begnadeter Schauspieler in Mimik und Gestik) erfolgreich einige Pfeile. Aus Sperrholz haben wir die ausgesägt, gefeilt und Magnete hinten darauf geklebt. Jetzt können wir sie an der Tafel nutzen und sie beispielsweise auf Wochentage zeigen lassen.

Muss noch üben

Ich übe noch

Unsere Pfeile

Unsere Pfeile

 

 

 

 

 

Nach dem ersten Rückschlag vergeht die Zeit viel zu schnell und so zeigt unser Holzpfeil schon wieder auf Freitag. Während meiner Recherche zu dem Job in dieser Woche stieß ich auf das Zitat von Pablo Pineda: „Für mich gibt es zwei Konzepte: Das Konzept der Angst und das Konzept der Liebe. Und wenn wir bis jetzt mit dem Konzept der Angst gelebt haben, wird es Zeit, dieses zu verlassen.“ [1]. Ja, mit Unsicherheit bin ich hierher gekommen und mit Zuneigung gehe ich wieder.

Als Beruf kann ich mir die Arbeit mit behinderten Menschen nicht vorstellen. Dafür bringe ich einfach viele der Dinge nicht mit, die man dafür braucht. Die Tätigkeit in der Tagesbildungsstätte entspricht allerdings nicht der typischen Arbeit eines Heilerziehungspflegers, der sich in der Regel stärker um das körperliche Wohl als um die geistige Entwicklung kümmert. Mit einer Zusatzausbildung kann man aber auch Klassenleiter einer Tagesbildungsstätte werden. Ich ziehe meinen Hut vor allen, die sich für das Wohl der Schwächsten in unserer Gesellschaft einsetzen und kann jedem, der über ein freiwilliges soziales Jahr in diesem Bereich nachdenkt, nur dazu raten. Es war eine tolle Woche, die mir den Spiegel vorgehalten hat.

Danke Hergen, Olga, Corinna, Hendrik und den Kiddies! Und danke Wiebke für die Couch!

*Namen der Kinder von der Redaktion geändert

 

 

1 http://www.alphabet-film.com/protagonisten.html
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5 Gedanken zu “Mit Down-Syndrom an die Uni – Job 13

    • Hilfe und vor allem nicht die Verantwortung! Es waren immer genug Betreuer dabei, sodass die Kinder immer bestens versorgt waren. Ich fand es ziemlich schwierig, den Zugang zu den Kindern in so kurzer Zeit zu bekommen und ihr Verhalten richtig verstehen bzw. einschätzen zu können. Das hätte allein nicht funktioniert.

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  1. Pingback: Die kaiserliche Woche // KW 3 | Kaiserinnenreich

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