Chantal, heul leise! – Job 23

Elyas M’Barek, wo bist du, wenn man dich braucht? In dieser Woche kann ich deine pädagogisch wertvolle Hilfe nämlich gut gebrauchen. Ich bin bei der gemeinnützigen Organisation Joblinge, die Jugendlichen dabei hilft, eine Ausbildung oder einen Job zu finden und möglichst auch zu behalten. Aber entgegen meiner Vermutung treffe ich in München nicht auf lauter motivierte Jugendliche, sondern eher auf einen Haufen, den man so auch im Film „Fack ju Göhte“ hätte antreffen können und von denen die meisten noch lernen müssen, um was es alles gerade bei ihnen geht. In ihren Lebensläufen finden sich abgebrochene Ausbildungen, Praktika, Fördermaßnahmen vom Arbeitsamt, Sechsen im Schulabschlusszeugnis oder einfach mal etliche Monate nichts. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.

Am meinem ersten Tag steht Klettern auf dem Programm. Ich fahre mit den Jugendlichen, die zwischen 16 und 21 Jahre alt sind, mit der U-Bahn in Richtung Kletterhalle. Die Trainerin wartet vor Ort auf uns. „Warum hast du eigentlich keinen Youtube-Channel? Damit erreichst du viel mehr Jugendliche!“, empfiehlt mir Elif. Gute Frage eigentlich. Bin wohl nicht mehr up to date. Miriam und Attila unterhalten sich neben mir. „Ich war erst zweimal krank!“, prahlt Miriam mit ihrer Fehlquote, die deutlich unter der von Attila liegen dürfte. Moment einmal, denke ich. Hat das Programm nicht erst vor zwei Wochen begonnen? Hat es. Aber gut, hier gelten anscheinend andere Maßstäbe.

An der Kletterwand

Zu Dritt geht es an die Kletterwand. Einer klettert, einer sichert und einer zieht das Seil nach. Der 17-jährige Levin sichert mich, als ich an der Reihe bin, die 10 Meter hohe Kletterwand zu erklimmen. Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob er richtig verstanden hat, wie das Sichern funktioniert. Aber wird schon schiefgehen. Am Nachmittag führe ich an der 18-Meter-Wand einen einzigen Kampf mit mir selbst. Meine Muskeln zittern, die Hände tun einfach nur weh und Kraft habe ich ab einer gewissen Höhe auch keine mehr. Auf 12 Metern hänge ich fest. Du schaffst es, wenn du es nur genug willst, ermutige ich mich selbst. Wenn ich im vergangenen Jahr etwas gelernt habe, dann, dass der Glaube an sich selbst und ein fester Wille mehr wiegen als blanke Muskelkraft, Talent oder Intelligenz. An der 18-Meter-Marke klatsche ich ein. Geschafft!

In der restlichen Woche beschäftigen wir uns mit dem Lebenslauf, den eigenen Interessen, Berufsfeldern und in Gruppenarbeit mit einem Theaterstück oder einem Text für einen Poetry-Slam. Es ist zwar fast Mittag, aber unsere Gruppe bekommt noch Zuwachs. „Tschuldigung, hab verschlafen“, stolpert Mehmet herein, sucht sich einen Platz und legt seinen Kopf auf dem Tisch ab. Weiter geht´s. „Alter, voll krass, gestern gab´s den ersten Drogen-Toten wegen Marihuana! Herzinfarkt oder so. Glaub sogar das war in München“, platzt es aus Burak heraus, als Selina ihren Poetry-Text zum Thema Süchte vorstellt. „Ne, ne“, korrigiert ihn Bastian. „Die Schlagzeile habe ich auch gelesen und dachte das auch erst, aber der Typ hieß einfach nur so. Günter Gras oder so.“

Ziel des rund sechsmonatigen Programms für die Jugendlichen ist es, überfachliche Qualifikationen zu erlangen und sich einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz durch Praktika zu erarbeiten. Bei der Wahl der durchschnittlich drei Praktika achten die Koordinatorinnen darauf, dass die Jugendlichen sich für Berufe entscheiden, die hinsichtlich ihres Berufsabschlusses und der Noten realistisch sind, aber dennoch ihren persönlichen Interessen und Stärken entsprechen. In solchen Berufen ist die Wahrscheinlichkeit einfach höher, dass ein Praktikum in einer Ausbildung mündet und diese dann auch abgeschlossen wird. Ehrenamtliche Mentoren begleiten sie während dieses Prozesses.

Pädagogisches Getätschel gibt es hier nicht. „Das ist auch nicht zielführend“, erklärt mir Anja Reinhard, Leiterin der gemeinnützigen Aktiengesellschaft. „Wir verhalten uns wie ein Ausbildungsbetrieb mit Abmahnungen und zum Teil sogar Beendigung der Zusammenarbeit, wenn kein Wille und keine Kooperation erkennbar ist. Besser, die Jugendlichen lernen das hier, als in ihrem Ausbildungsbetrieb.“ Recht hat sie. Nachdem ich anfangs enttäuscht über die Motivation und Mitarbeit einiger Programmteilnehmer bin, sehe ich die Sache am Ende der Woche etwas anders. Jeremy, ein Teilnehmer einer früheren Gruppe, hilft mir, die Jugendlichen zu verstehen: „Sieh es mal so. Viele, die hier herkommen, haben vorher nur zuhause oder auf der Straße rumgehangen. Wir hatten nur Freizeit. Und wenn du dich dann auf einmal acht Stunden am Stück konzentrieren sollst, ist das nicht leicht. Daran müssen wir uns gewöhnen. Wollen wir ja grundsätzlich auch, aber manche Dinge versteht man erst mit der Zeit, warum man die machen oder lassen soll.“

Meine Gruppe muss noch viel lernen. Am Donnerstag hagelt es Abmahnungen. Zuspätkommen, unentschuldigtes Fehlen, Rauchen während der Arbeitszeit. Ein paar sind kurz davor aus dem Programm zu fliegen. Was sie dann wohl erwartet. Mehr als Hartz IV fällt mir nicht ein. Ich spüre, wie viel Energie man in diese Arbeit stecken muss, die bei manchen einfach verpufft und bei anderen nach einigen Wochen erste Früchte trägt. Die Vermittlungsrate in Ausbildungsplätze bei den Joblingen ist hoch. Es lohnt sich also. Bevor ich mein Praktikum beende, verabschiede ich mich von meinen Jugendlichen. Ich mag sie alle. Sie haben Humor, ansteckend gute Laune, Style, Talente, zum Teil echt tolle Gedanken und jeder einen guten Kern. Ich fühle mich wie ein Fußballtrainer, der seiner Mannschaft vor dem Endspiel in der Kabine Mut zuredet. Es geht um alles. Sieg oder Niederlage. Letzte Chance auf ein geregeltes Leben.

Ich weiß, jeder von euch kann es schaffen, wenn ihr nur genug wollt und was dafür tut. Ihr seid toll, danke für diese Woche!

Danke auch an Anja, Edith, Marijana, Claudia, Nadine, Cornelia, Christian und Simon und Jana!

PS: Hiermit bewerbe ich mich mindestens als ehrenamtliche Mentorin! Die Richtung passt.

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5 Gedanken zu “Chantal, heul leise! – Job 23

  1. Klingt nach einer interessanten Erfahrung in München….und die Jugendlichen haben – wenn auch schwarzen – Humor 😉 („Gras“) –
    Der aktuelle Bericht liest sich wieder einmal herrlich erfrischend und unterhaltsam – mein Kompliment. Bin gespannt auf den nächsten Bericht…

    Viele Grüße,
    Stefan aus MUC

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Lesenswert im April: 7 geile Blogs für dich gefunden! - MyMoneyMind

  3. Schön, dass dir die Richtung gut gefällt. Ich bin ja eher im Kindergartenbereich angesiedelt, überlege aber, auch noch in einem Jugendzentrum ein Praktikum zu machen, um einfach ein wenig über den Tellerrand zu gucken. Und um festzustellen, ob Jugendliche mich wirklich eher uncool finden und ich zu krampfig für eine gelingende Zusammenarbeit bin. 😉

    Vielleicht wäre ja Soziale Arbeit oder Außerschulische Bildung ein Studium für dich?

    Liebe Grüße
    Mirka

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