W wie Wunder – Job 27

Wir leben auf einem blauen Planet
Der sich um einen Feuerball dreht
Mit ´nem Mond, der die Meere bewegt
Und du glaubst nicht an Wunder

Marteria

Glauben. Heißt etwas nicht zu wissen, es aber dennoch für wahr zu halten. Als sachlicher Mensch mit einer Vorliebe für harte Fakten liegt mir „glauben“ nicht besonders gut. Genauso wie Gefühle. Umso schlimmer eigentlich, dass mich ausgerechnet die Kombination aus Gefühl und Glauben in meine Traumjobsuche drängten. Das Gefühl des Mangels, obwohl ich objektiv betrachtet alles habe und der Glaube an einen Zustand, in dem alles gut und genug ist. Ich konterte mit einem Plan: 30 Jobs in 12 Monaten. Genügend Jobs, dass schon einer dabei sein wird und genügend Zeit, um eine ausgewogene Entscheidung treffen zu können.

Mein 27. Job als Pastorin baut also elementar auf etwas auf, das bei mir Mangelware ist. Der Grund, der mich am Samstag vor Pfingsten vor die Tür der evangelischen Freikirche „Berlinprojekt“ im Prenzlauer Berg führt, ist ein ganz besonderer. Ich löse das Versprechen an meinen Vater ein, mich noch einmal mit dem Glauben zu beschäftigen, von dem ich etliche Jahre zuvor Abstand genommen hatte.

Die Tür öffnet mir ein großer, gutaussehender Typ. Nike Airmax, Jeans, Pulli, markante Brille. Ich muss mich mit der Hausnummer versehen haben. „Hey, ich bin Christian. Herzlich Willkommen beim Berlinprojekt!“, begrüßt mich der Typ und streckt mir seine Hand entgegen. Das ist Christian? Der Pastor Christian? In meiner Phantasie war er viel kleiner, hatte lichtes Haar und ein in die hochgezogene Hose gestecktes Hemd. „Äh… Freut mich, Jannike“, erwidere ich, während ich noch erschrocken über den Unterschied zwischen Phantasie und Realität bin.

Kurze Zeit später finden wir uns in einem koreanischen Restaurant wieder, vor mir steht eine Schüssel Bibimbap, Christian sitzt mir gegenüber und erzählt von seinem Job als Pastor und von dem Kirchenprojekt, das er gemeinsam mit seinem Kumpel Konstantin vor 10 Jahren ins Leben gerufen hat. Eine Kirche für die Stadt wollten sie gründen, für junge Menschen, die mittendrin statt nur dabei sein sollte. Mittlerweile kommen über 500 Menschen regelmäßig in die Gottesdienste, die um 10, 11 und 18 Uhr in Kino- oder Theatersälen im Prenzlauer Berg und Kreuzberg stattfinden. Als ich frage, wie ich mich zum Gottesdienst angemessen kleide, antwortet Christian: „Du kannst so kommen wie du bist. Ich ziehe mich auch nie um. Nur zu Beerdigungen und Hochzeiten. Was wir nämlich nicht wollen, ist, dass die Menschen zum Gottesdienst ihr heiliges Gesicht aufsetzen und es am Ausgang wieder abgeben. Jeder kann so kommen wie er ist.“ Und in der Tat stehen Christian und Konstantin am Sonntag mit Turnschuhen zur Predigt auf der Bühne.

Im Büro

Praktikantin Jannike, Gudrun, Doo-Kyoung, Konstantin und Praktikant Friede – Christian fehlt leider auf dem Foto

Das Berlinprojekt finanziert sich vollständig aus Spenden. Neben den zwei Pastoren Christian und Konstantin arbeiten noch drei nicht weniger gutaussehende Menschen hier in Festanstellung, was in der Kirchenlandschaft eine Seltenheit ist. Doo-Kyoung ist für die Gemeinschaft, Seminare und Weiterbildung zuständig, Gudrun für das Büro und Mitch für die Musik. Darüber hinaus helfen manche auf Stundenbasis und unzählige ehrenamtlich.

Am Pfingstsonntag geht es um 9 Uhr im Kino Babylon ans Eingemachte. Steffi, die Koordinatorin aller ehrenamtlichen Teams, steckt mich nacheinander in die verschiedenen Teams, die für einen reibungslosen Ablauf der Gottesdienste sorgen. Wir räumen das Lager aus, stellen Schilder auf und bauen die Akustik für die Musiker auf. Mit dem Abendmahls-Team geht es in den Bauch des Theaters. Wir brechen das Brot und schenken Wein in kleine Plastikbecher, die an Gläser für Kurze erinnern. Auf der Bühne proben währenddessen die Musiker ihre Lieder. Mit netten Menschen um mich herum, guter Musik und Gesprächen, fühle ich mich richtig im Flow, während ich den Traubensaft mit einem Abfüller in die Gläser spritze. Die Gläser, Abfüller und Tabletts kommen aus einem Onlineshop für Kirchenbedarf und sind extra für das Abendmahl gemacht. Was es nicht alles gibt.

Ich bin fast ein wenig enttäuscht, als mich Steffi abholt und zum nächsten Team bringt. Es fehlt jemand zum Austeilen der Programmhefte und ich kann mich wirklich nützlich machen. Nach und nach begrüße ich also die Gottesdienstbesucher und drücke ihnen das Programmheft in die Hand. Ich fühle mich wider Erwarten direkt zugehörig, was wohl daran liegt, dass mich hier jeder anlächelt. Dass einen Personal anlächelt, kennt man aus Hotels und Restaurants, aber dass auch ausnahmslos alle Gäste lächeln, finde ich bemerkenswert. Das fällt richtig auf und sollten wir eigentlich alle öfter tun. Der Kinosaal füllt sich. Nach dem zweiten Lied darf ich meinen Posten verlassen und mir selbst einen Platz in einer der Reihen suchen.

Ich lasse meinen Blick durch den Saal schweifen. Das Durchschnittsalter der hippen Gottesdienstbesucher schätze ich auf 30. Alle singen, wenn gesungen wird, beten, wenn gebetet wird und lauschen der Predigt, wenn Christian predigt. Ich gebe es ungern zu, aber ich kann nicht anders als gerührt zu sein.

Die Predigt hält, was Christian tags zuvor versprochen hatte. Er macht die Bibelstelle zu Pfingsten verständlich und zeigt mit aktuellen Beispielen auf, was Pfingsten für Menschen in unserem Zeitalter bedeutet. „Ich musste erst 30 werden, um Pfingsten zu verstehen“, höre ich eine Frau nach dem Gottesdienst sagen. Anweisungen, man müsse dieses oder jenes tun, um Gnade zu erfahren, höre ich keine. „Das bedeutet ja auch das Evangelium, das bei uns im Mittelpunkt steht“, erklärt mir Christian. „Du musst dich nicht abstrampeln, um von Gott angenommen zu werden. So, wie du bist, bist du gut.“

Gott hat also keine Erwartungen an mich. Das ist mal eine gute Nachricht, denke ich und weiß plötzlich, warum ich mich hier so gut fühle und woher ich dieses Gefühl kenne. Bevor ich auf meine Traumjobsuche ging, war ich davon überzeugt, Erwartungen erfüllen zu müssen. Erfolgreich und unverzichtbar im Job, gutaussehend und gut gestylt wollte ich sein, um gut (und) genug zu sein – für mich und andere. Wie unglaublich befreiend und schön ist es nun, keine Erwartungen mehr erfüllen zu müssen, sondern einfach nur noch auf sein Gefühl zu hören und ihm zu folgen. Unbezahlbar.

Drei Gottesdienste besuche ich in dieser Woche, wobei einer von ihnen ein Gemeinschaftsgottesdienst mit anderen Kirchen am Pfingstmontag ist. Unter der Woche fühle ich mich wie in einem normalen Unternehmen. Auch hier gibt es Meetings, müssen Dinge organisiert und E-Mails beantwortet werden.

Um Pastor zu werden, braucht man in erster Linie einen unerschütterlichen Glauben. Aber wenn man den hat und einen Job sucht, in dem es viel Herzenswärme gibt, bei dem man organisiert und mit Menschen zu tun hat, etwas Gutes tun kann, der sollte einmal über diesen Beruf nachdenken.

Vielen Dank an Christian, Kosta, Doo-Kyoung, Mitch, Gudrun, Steffi und alle anderen, an Kristina für den guten Tipp und einmal mehr an Conni und Lars.

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